Kunst findet nicht hinter verschlossenen Türen statt. Sie agiert in einem gemeinsamen Raum. Sie gedeiht in einer Gemeinschaft, die in Bewegung bleibt, einer Gruppe von Lebenden, deren Mitglieder zu ihrem eigenen Wohl und dem aller anderen handeln, idealerweise für den Planeten und den Frieden, in der besten aller Welten... Aber natürlich ist jede Gemeinschaft gefährdet: durch den Hang zum Kommunitarismus, durch brüchige Kompromisse auf einen allzu reduzierenden gemeinsamen Nenner, durch die Versuchung, Affinitäten mit Ähnlichkeiten zu begründen oder Verbundenheit mit Verwandtschaft zu verwechseln.
An welchem Punkt schlägt Verunsicherung in einen Herdenreflex um und hindert uns daran, Kreise zu öffnen oder alte Bahnen zu verlassen? Welche Erfahrungen, Erinnerungen und Lebensweisen machen ein Kollektiv aus, ohne es in sich einzukapseln? Wie kann man eine Gemeinschaft von ihren Rändern her denken, um ihr Zentrum mit Leben zu füllen?

Mit einfachen Antworten können wir nicht dienen. Aber die darstellenden Künste bleiben wachsam und hellhörig für solcherart Fragen. Denn Kunst ist nicht, was wir als solche etikettieren, sondern was wir als Publikum einer ästhetischen Betrachtung unterziehen, um auf diese Weise unsere eigene Weltwahrnehmung zu begreifen. Die Erfahrung von Schönheit und Vergnügen gehören ebenso dazu wie das Erleben einer Gemeinschaft, die sich der grundlegenden Umbrüche bewusst ist, denen sie sich heute stellen muss. Dass niemand sich mit dieser Herausforderung allein gelassen fühlt, ist uns ein Anliegen im Maillon.

Denn die in unseren Wirtschaftssystemen begründete Ungleichheit erfordert nicht nur die Umverteilung von Ressourcen, sondern auch Offenheit und Gastfreundschaft, unabhängig von der Herkunft gefährdeter Menschen. Außerdem drängt sich heute die Notwendigkeit von Nachhaltigkeit auf: Neben der Leitidee eines gerechten Sozialwesens ist der Schutz unseres Planeten unaufschiebbar geworden. Und nicht zuletzt gibt uns die zeitgenössische Arbeitswelt - zwischen globaler Beschleunigung und „telemigration" (Richard Baldwin) – allen Anlass, unsere Beziehung zu Zeit und Raum, und den Sinn, den wir unserem Leben geben wollen, zu hinterfragen.

Mit der Neugier, die Ihnen eigen ist, können Sie im Maillon verschiedenste Sichtweisen und überraschende Kunstformen erleben, die sich von allen Mitteln des Theaters inspirieren lassen. Mal spielerisch, mal radikal, oft beides gleichzeitig, kreuzen die Künstler:innen die Genres und holen neben den visuellen Künsten, Musik, Tanz und Zirkus auch die Belange der Welt ins Theater hinein. Für Bertolt Brecht gehörte „das Denken zu den größten Vergnügungen“ des Menschen. Beflügelt von neuen Fantasien und kreativer Teilhabe werden wir eben dieses Vergnügen zur gemeinsamen Sache machen.

Barbara Engelhardt, Theaterleiterin